Frau Ärmels Spazierkünste und die Forschung

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Marie-Anne Lerjen, Inhaberin von lerjentours, einer Agentur für Gehkultur, lädt die Forschenden des Forschungsschwerpunkts Intermedialität und alle anderen interessierten Menschen auf den Werdmühleplatz in Zürich in ihr Spazierbüro. Ein Festival ein. Priska Gisler, Leiterin des FSPs  und eine grosse Liebhaberin von Erkenntnissen, die mit einem entschleunigten Gehen einhergehen können, hat ihr ein paar Fragen gestellt.

Priska Gisler: Herr Ärmel, der berühmte Untertan aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ war Spaziergänger von Beruf. Zu seinem Tagwerk gehörte es auf der Insel Lummerland herumzuspazieren und sich vom König Alfons der Viertel-vor-Zwölf regieren zu lassen. Würdest Du sagen, Spazieren ist Dein Beruf? Und wenn ja, wie hast Du ihn gelernt?

Frau Ärmel aka Marie-Anne Lerjen/Agentur für Gehkultur: Das, was ich mache, geht wohl einen Schritt über das einfache Spazieren (und Regiert Werden) hinaus. Als Berufsbezeichnung wähle ich deshalb «Spazierkünstlerin». Was mich interessiert, ist das Spazieren als Methode, um sich zu Orten in Beziehung zu setzen. Ich konzipiere immer wieder neue «Spazieranordnungen» und lade Leute ein, mitzugehen. Dabei spielen verschiedene Aspekten des Gehens eine Rolle. Durch immer wieder neue Versuche ergibt sich so eine sich langsam vertiefende Spazier-Expertise. Der Weg, das zu Lernen, ist das Machen. Dass es das Spazieren ist, war eine Berufung.

PG: Würde Deine Agentur für Gehkultur auch Lehrlinge aufnehmen? Oder wie spezialisiert man sich im Spazieren?

Frau Ärmel: Die Aufnahme von Lehrlingen bedingt ja eine «Meisterschaft«, einen Lehr-Meister beziehungsweise eine Lehr-Meisterin. Davon würde ich im Moment noch nicht sprechen. Natürlich würden sich mit der Zeit auch «Techniken» festhalten lassen. Aber momentan interessiert mich das stete Weiterentwickeln mehr. Man spezialisiert sich also, indem man sich immer wieder neuen Orten und Aufgaben stellt und mit immer wieder neuen Arten des Spazierens darauf antwortet.

PG: Du sprichst im Zusammenhang mit „Das Spazierbüro – ein Festival“ von der Kunst des Spazierens. Wie und wann wird Spazieren zur Kunst? Oder ist es eine Kunst, die jedermann kennt?

Spazieren wird zur Kunst, wenn man es auf eine bewusste Art einsetzt. Wenn man es als Methode versteht. Wenn man sich damit auf vielfältige Weise der Wirklichkeit aussetzt, um mehr über diese in Erfahrung zu bringen, mehr über uns in Erfahrung zu bringen. «Mit dem Spazieren allein ist es nicht getan», hat mal jemand geschrieben. Es braucht eine erhöhte Aufmerksamkeit, einen Fokus auf die Möglichkeiten des Spazierens.

PG: In den letzten Jahren gab und gibt es noch gerade im Bereich der künstlerischen Forschung einige Auseinandersetzungen mit der Spazierkunst. Ist Dir dieses Feld bekannt? Kannst Du vielleicht ein bisschen etwas sagen darüber, woher das Interesse am Spazieren, an der Beschäftigung mit der gehenden Bewegung, vermutlich auch mit der Umgebung, mit Natur rührt?

Frau Ärmel: Ich habe ein bisschen mitbekommen, was in Basel am der Hochschule für Gestaltung und Kunst innerhalb des Grenzgang-Projekts gemacht wurde. Wie der Titel des Forschungsprojekts sagt, hat man sich mit der Grenzsituation rund um Basel beschäftigt. Wenn man den konkreten Phänomenen von «Grenze» auf die Spur kommen möchte, bietet sich der gehende Zugang geradezu an. In diesem kleinen Masstab kommt man sehr nahe an die Phänomene heran, entdeckt konkrete Aspekte der Situation. Lucius Burckhardt hatte ja mit seiner «Spaziergangswissenschaft» darauf verwiesen, dass komplexe städtische und landschaftliche Räume direkt begangen werden müssen, um vorgeprägte Vorstellungen darüber zu hinterfragen. Man bringt also mit dem Begehen auch das Nachdenken über Orte in Bewegung, generiert also im Sinne von Forschung auch eine andere Art von Wissen über Orte.

PG: Würdest Du Deine künstlerische Praxis als forschendes Tun bezeichnen? Um welche Erkenntnis geht es Dir?

Ich bezeichne ja meine Spazieranordnungen auch als Versuchsanordnungen, als Rahmen für eine Erfahrung in einer Situation, an einem Ort. Eine Grundfrage dahinter ist: Wie verändert/verstärkt sich die Wahrnehmung durch eine besondere Art den Spaziergang zu machen? Dabei geht es weniger direkt um eine Erkenntnis, als um eine Erfahrung, die man gewinnt, durch die Intensivierung von Eindrücken. Eine Erkenntnis kann daraus folgen …

 

 

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