Paul Bowles

aus Ding-Dong #8

Texte von: Christoph Roeber / Gilles Aubry, Andi Schoon

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Bowles

Klanglandschaften kultureller Erhaltung – Eine künstlerische Erkundung der Paul Bowles-Sammlung traditioneller marokkanischer Musik. Bild: Gilles Aubry

 

Klanglandschaften kultureller Erhaltung – Eine künstlerische Erkundung der Paul Bowles-Sammlung traditioneller marokkanischer Musik

Die Biografie

Text: Christoph Roeber

Paul Bowles wurde 1910 in Queens, New York, als Kind wohlhabender Eltern geboren. Durch seine Mutter kam er schon früh mit Literatur in Berührung, insbesondere mit Edgar Allan Poe. Im Alter von sechzehn Jahren akzeptierte die Pariser Literaturzeitschrift Transition – die sich der literarischen Moderne verschrieb und AutorInnen wie James Joyce, Paul Éluard und Gertrude Stein veröffentlichte – zwei Gedichte Bowles’ mit den Namen Spire Song und Entity. Neben seiner literarischen Neigung zeigt sich auch sein musikalisches Talent früh. Ab 1928 studierte er an der University of Virginia gemeinsam mit Aaron Copland Musik. Im März 1929 reiste er erstmals nach Paris, in seinem Pass mit der Angabe: zu Studienzwecken – kehrte allerdings bereits im Juli widerwillig nach New York zurück. 1931 ging er wiederum nach Paris und gehörte zum literarischen Zirkel Gertrude Steins, die ihm eine Reise nach Tanger empfahl, wo er mit Aaron Copland schliesslich den Sommer verbrachte. 1933 kehrte er wiederum nach New York zurück und lebte dort die nächsten Jahre, immer wieder unterbrochen von längeren Reisen und Aufenthalten in anderen Ländern. In dieser Zeit gelangte er zu einigem Renommee als Komponist, arbeitete unter anderem mit Tennessee Williams und Orson Welles zusammen. 1938 heiratete er Jane Auer – selbst Schriftstellerin –, unter deren Einfluss Bowles selbst wieder Prosa zu schreiben begann. Im Jahre 1947 wanderte er schliesslich nach Tanger aus, Jane Bowles folgte ihm ein Jahr später. Nach seiner Übersiedlung widmete er sich zunehmend seiner schriftstellerischen Tätigkeit, schrieb verschiedene Kurzprosa sowie seinen 1949 veröffentlichten Roman The Sheltering Sky, mit dem ihm der Durchbruch gelang. Bei Reisen durch die Wüste begann er sich für traditionelle marokkanische Musik zu interessieren und nahm zwischen 1959 und 1961 Musik verschiedener Ethnien auf – diese Aufnahmen wurden unter dem Namen The Paul Bowles Moroccan Music Collections berühmt. Ab 1974 widmete er sich hauptsächlich der Übersetzung marokkanischer Autoren wie Mohamed Choukri oder Mohammed Mrabet. Er starb 1999 nach kurzer Krankheit in Tanger.

Weiterführende Literatur:
Spencer Carr, Virginia (2005): Paul Bowles. A life. Peter Owen, London
Bowles, Paul (1986): Without Stopping. An Autobiography. The Ecco Press, New York

Das künstlerische Forschungsprojekt

Text: Gilles Aubry, Andi Schoon

Bowles reiste 1959 durch Marokko, um möglichst viele Beispiele traditioneller Musik auf Tonband aufzuzeichnen. Nach fünf Monaten hatte er 72 Stunden Material; darunter befanden sich über 250 Beispiele von Ahwouach, Andaluz, Gnawa, Rwasi und Jewish Sephardic Music aus 22 verschiedenen Gegenden Marokkos. Auf mehr als hundert Seiten dokumentierte Bowles seine Reiseaufnahmen. Die ursprünglichen Tonbandaufzeichnungen und Notizen sind heute im Archive of Folk Song at the Library of Congress in Washington zu finden. Auf Initiative des TALIM (Tangier American Legation Institute for Moroccan Studies) hin und in Zusammenarbeit mit dem marokkanischen Ministerium für Kultur wurden 2010 die digitalisierten Kopien der Aufnahmen von der Library of Congress in Washington nach Tanger zurückgeführt, wo sie nun für wissenschaftliche Zwecke verfügbar sind. Künftig soll der breiten Öffentlichkeit der Zugang zum Archiv mit einer speziell eingerichteten Website möglich sein.

Gilles Aubry wertet die Bowles-Sammlung von 1959 als frühes Beispiel kultureller Erhaltung mithilfe moderner Audiotechnologie. Durch die Rückführung der Sammlung von Washington nach Tanger im Jahre 2010 gewinnt Aubry zufolge die lokale Rezeption und die kulturelle Interpretation in Marokko selbst an Bedeutung; dies aus den Perspektiven des Postkolonialismus, der Medienanthropologie und der Kunst. Grund genug, dieses Thema im Rahmen einer Dissertation zu beforschen. Seine erste künstlerische Arbeit mit Zouheir Atbane – and who sees the mystery (2014) – hat Aubry nach einer Residenz in Tafraout produziert, einem Dorf im Antiatlas-Gebirge, in dem Paul Bowles 1959 eine Ahwouach-Musikperformance aufgezeichnet hatte. Die beiden Künstler brachten Bowles’ Aufnahmen zurück an ihren Ursprungsort und erarbeiteten zusammen mit lokalen Musikern Hörsessions und Musikproben. So entstand eine neue Interpretation der nach Tanger zurückgeführten Aufnahmen von 1959. and who sees the mystery wurde u.a. an der Marrakesch Biennale 2014 und der Museumsnacht Bern 2015 gezeigt.

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